Gute Geschichten liegen herum. Du musst sie nur aufheben.
Wer sich mit Storytelling beschäftigt, begegnet früher oder später der Heldenreise. Eine Hauptfigur macht sich auf den Weg, trifft auf schier unüberwindbare Hindernisse, wächst über sich hinaus und kehrt geläutert zurück. Grosses Kino! Bloss hält sich der Unternehmensalltag selten an solche Drehbuchvorlagen. Wie packende Geschichten trotzdem gelingen erkläre ich in diesem Beitrag.

Drei Lernende haben ihre Ausbildung begonnen. Das Verkaufsteam war an einer Messe. Die Geschäftsführerin hat eine Konferenz besucht. Ganz normaler Alltag. Ohne Abgründe, Bösewichte oder grosse Dramen. Und daraus sollen Geschichten entstehen, die jemand freiwillig liest?
Durchaus möglich. Für interessante Geschichten reicht ein kleiner Moment, in dem man etwas sichtbar macht, das auf der Suche nach dem grossen Drama oft übersehen wird. Das kann eine unerwartete Frage sein, ein Missverständnis oder ein Mitarbeiter, der etwas ganz anders tut als erwartet. Die Schwierigkeit ist, sich die Zeit zu nehmen, solche Geschichten zu finden. Und dafür brauchts Neugier.
1. Vergiss den Anlass. Such den Moment.
«Wir freuen uns, unsere drei neuen Lernenden herzlich willkommen zu heissen und wünschen ihnen einen erfolgreichen Start in ihre berufliche Zukunft.»
So tönts aus gefühlt jedem zweiten LinkedIn Beitrag nach den Sommerferien. Mehr erfahren wir nicht.
Dabei stecken in einem ersten Arbeitstag unzählige Geschichten. Wie fühlt es sich an, morgens zum ersten Mal durch die Tür eines Betriebs zu gehen, in dem man die nächsten drei oder vier Jahre verbringen wird? Was geht einem durch den Kopf? Was überrascht? Was macht Angst? Und was ist abends ganz anders, als man es sich vorgestellt hat?
Da ist der Lernende. Er steht am ersten Morgen zehn Minuten zu früh vor der Werkstatt. In der Hosentasche steckt ein zerknitterter Zettel mit drei Fragen. Vielleicht hat er sich auch ein Sprachmemo geschickt ... Am Feierabend merkt er: Mist, ich habe keine einzige Frage gestellt. Dafür schwirren dreissig neue durch den Kopf. Vielleicht steht der Lernende auch nicht zu früh da. Sondern just an diesem Tag hat der Bus eine Panne ... Wer weiss das schon.
Da sind sie, die Geschichten. Es sind keine dramatischen Ereignisse. Aber da steht ein junger Mensch an der Schwelle zu etwas Neuem. Wir sehen ihn vor uns. Und wir bekommen einen Eindruck davon, wie sich ein Ausbildungsbeginn in genau diesem Unternehmen anfühlen kann. Natürlich müsste man den Lernenden fragen, wie sein erster Tag tatsächlich verlaufen ist. Gut möglich, dass er eine ganz andere Geschichte erzählt. Umso besser.
Merke: Der Anlass liefert das Thema. Die Geschichte steckt im Detail.
2. Verlass das offizielle Programm. Auf den Nebenschauplätzen wird es interessant.
Messen sind eine ergiebige Quelle für Unternehmensmeldungen. Viele lesen sich so, als hätte jemand vor Jahren einen Mustertext geschrieben, unter der Rubrik «Messerückblick» abgelegt. Und seither wird der so verwendet.
«Drei erfolgreiche Messetage liegen hinter uns. Wir durften zahlreiche spannende Gespräche führen, wertvolle Kontakte knüpfen und unser Unternehmen einem interessierten Publikum präsentieren.»
Was sagt das aus? Nichts! Dabei passiert an einem Messestand allerhand. Besucher stellen sonderbare Fragen. Ein Mitbewerber kommt auf einen Schwatz vorbei. Oder ein Kunde sagt etwas, das die komplette Verkaufsargumentation ins Wanken bringt. Zum Beispiel: «Warum erklären Sie Ihr Produkt eigentlich so kompliziert?»
Oha! Das Team hat monatelang an der Präsentation gefeilt. Und dann diese Aussage. Der Verkaufsleiter versucht aus dem Stegreif, das Produkt in drei Sätzen zu erklären. Lässt den ganzen Marketingsprech und sorgfältig einstudierte Argumente weg und realisiert: Der Mann hat recht.
Ob so etwas tatsächlich passiert? Möglich, oder? Genau nach solchen Momenten würde ich suchen, wenn ich über einen Messeauftritt schreiben müsste.
Frage nicht nach der Zahl der BesucherInnen. Sondern frag, was überrascht hat. Wo es Lacher gab. Welche Fragen auftauchten, die niemand beantworten konnte. Diese Antworten stehen in keinem Messebericht. Man hört sie beim Abräumen des Standes, beim Feierabendbier oder auf der Heimfahrt. Man muss nur zuhören.
Merke: Wer immer nur auf die grosse Bühne schaut, verpasst womöglich die beste Geschichte.
3. Menschen sind interessanter als ihre Eigenschaften.
Engagiert. Motiviert. Kompetent. Leidenschaftlich. Diese vier Wörter tauchen in Unternehmensporträts von Mitarbeitenden regelmässig auf. Wissen wir nach deren Lektüre, mit wem wir es zu tun haben? Nein. Fragt man die Kolleginnen und Kollegen, erfährt man oft mehr. Die erfahrene Projektleiterin hat vor jeder Präsentation Lampenfieber. Dass der Servicetechniker seit zwanzig Jahren jeden Kunden mit Namen begrüsst. Oder dass die Chefin, die sonst auf jede Frage eine Antwort weiss, bei einem Problem völlig auf dem Schlauch stand. Diese Enthüllungen sind nicht spektakulär. Es sind Eigenheiten, Beobachtungen, die einen Menschen fassbar und menschlich machen. Natürlich ist nicht jede Marotte eine Geschichte wert. Dass jemand ständig seinen Kugelschreiber verlegt, mag im Team für Heiterkeit sorgen. Für die Leserschaft wird es erst interessant, wenn dieses Detail etwas über den Menschen erzählt. Und selbstverständlich soll nicht jede Eigenheit öffentlich ausgebreitet werden.
Wer Menschen porträtiert, muss mit ihnen sprechen. Man muss ihnen Zeit lassen und beharrlich nachhaken, wenn eine Antwort zu beliebig ist. Ein Fragenkatalog dient als Leitfaden. Aber ich erlebe oft, dass die besten Antworten rechts und links davon kommen. «Ich arbeite gerne mit Menschen» ist nichtssagend. Die Geschichte darüber, wie jemand mit einem schwierigen Kunden umgegangen ist, möglicherweise sehr viel.
Merke: Vergiss die Adjektive. Frag nach einer Begebenheit.
4. Ein paar Ecken und Kanten haben noch keiner Geschichte geschadet.
Die Geschäftsführerin kehrt von einer Branchenkonferenz zurück. Sie hat sechs Referate gehört, sich mit gefühlt dreihundert PowerPoint-Folien auseinandergesetzt und durch ihre Venen fliesst mehr Kaffee als Blut.
«Was nimmst du mit?», fragt sie die Kollegin aus der Kommunikationsabteilung in der Kaffeeküche.
«Ehrlich? Ich habe mich über einen Referenten ziemlich geärgert.»
Aha. Jetzt wird es interessant. Worüber hat sie sich geärgert? Hat der Referent Unsinn erzählt? Oder hat er etwas ausgesprochen, das sie lieber nicht hören wollte? Vielleicht hat sie ihm widersprochen. Vielleicht ist sie erst auf der Heimfahrt ins Grübeln gekommen. Hier lohnt es sich nachzufragen. Solche Reaktionen können Stoff für eine gute Geschichte enthalten.
Unternehmen möchten immer ein gutes Bild abgeben. Deshalb zeigen sie am liebsten, was gelungen ist. Erfolge sind erfreulich. Nur macht es auf Dauer wenig Spass, Geschichten zu lesen, in denen alle stets hochmotiviert sind, reibungslos zusammenarbeiten und jede Herausforderung souverän meistern. Das Leben ist widersprüchlicher. Da werden Entscheidungen hinterfragt, Erwartungen enttäuscht, Fehler gemacht und Meinungen geändert. Daraus lassen sich Geschichten erzählen, ohne jemanden blosszustellen oder Interna auszuplaudern.
Es braucht lediglich etwas Mut, nicht jeden Stolperstein nachträglich in einen strategischen Meilenstein umzudeuten.
Merke: Nicht alles, was schiefgeht, muss unter den Teppich. Manchmal liegt dort die Geschichte.
5. Erzähl, was passiert ist. Den Werbeslogan kannst du dir sparen.
Angenommen, ein Kunde steht fünf Minuten vor Feierabend mit einem kaputten Gerät in der Werkstatt. Sandra hat ihre Jacke bereits angezogen. Sie hört sich das Problem an, zieht die Jacke wieder aus und holt den Werkzeugkoffer.
Daraus zimmert jemand dann folgenden Satz für die Website (Und das tun tatsächlich zahlreiche Unternehmen):
«Mit grossem Engagement und ausgeprägter Kundenorientierung setzt sich unser Team täglich für individuelle Lösungen ein.»
Man kann aber auch erzählen, was Sandra getan hat. Das wäre erstens anschaulicher und zweitens glaubwürdiger. Wer gut erzählt, arbeitet mit konkreten Beobachtungen, treffenden Verben und einem Gespür für das Wesentliche.
Vor allem aber sollte man einer Geschichte ihre Eigenart lassen. Das Komische darf komisch sein, das Nachdenkliche nachdenklich. Ein Mensch darf etwas sagen, das nicht klingt wie aus dem Leitbild abgeschrieben. Und eine Geschichte darf enden, ohne dass im letzten Absatz nochmals die Werte, die Innovationskraft oder das Engagement des Unternehmens beschworen werden.
Die Leserinnen und Leser dürfen durchaus selbst denken.
Merke: Eine gute Geschichte zeigt etwas. Eine schlechte erklärt uns, was wir davon halten sollen.
Und wo liegen nun diese Geschichten?
Überall dort, wo Menschen arbeiten, lernen, ausprobieren, scheitern, lachen, streiten und miteinander etwas auf die Beine stellen: Werkstatt, Sitzungszimmer, Firmenparkplatz, Kaffeepause, Telefongespräch ...
Nur haben wir diese Geschichten oft nicht im Visier. Weil wir auf das ultimative Ereignis warten. Im Hinterkopf bereits eine Dramaturgie festgelegt haben und sehr damit beschäftigt sind, die Kernbotschaften unterzubringen. Sodass wir gar nicht richtig hinsehen oder hinhören.
Also! Beobachte beim nächsten Firmenanlass mal ganz genau, was neben dem offiziellen Programm passiert. Die besten Geschichten erzählt nämlich das Leben. Und nicht die Traktandenliste.
Blinde Flecken was eigene Geschichten anbelangt? Ich unterstütze dich! info@wortsprudel.ch




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