Vor lauter Fortschritt schreiten wir immer weiter von uns fort.
- Yvonne Ineichen
- 3. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Wir stehen beide in einem Zugwaggon, draussen prangt das Zeichen für Veloplätze. Was wir hier antreffen, ist wieder mal ein Witz. Zwei Haken an der Wand, die Platz bieten – mit Sicherheit nicht für zwei ausgewachsene Fahrräder, ein Tourenvelo und mein Mountainbike. Wir zwei Frauen stehen da, schieben, ächzen, stossen. Drehen und wenden unsere Göppel. Und geben irgendwann auf. Tetris mit Fahrrädern, nicht mein Ding. Also lehn ich meins an die Wand, sie stellt ihres in den Einstiegsbereich. Wir richten uns auf eine Zugfahrt mit Stehplätzen ein. Damit es bitz komfortabler wird, renn ich kurz los und hol uns zwei Kafi.
Was eine Zugfahrt so alles aufmacht
Der Zug fährt und unser Gespräch nimmt auch Fahrt auf. Binnen Sekunden sind wir vertieft in Tourenplanung, Radabenteuer, Lebensthemen. Sie erzählt von ihrer Arbeit mit schwerstbehinderten Menschen. Und davon, wie grossartig es sei, wenn jemand nach langem Üben sich selbst die Zähne putzen könne. Was dann aber zur Folge habe, dass der Betrieb weniger Geld bekomme. Weil sie Zähneputzen unter den Leistungen nicht mehr aufführen könnten.
Was für eine Schizophrenie! Man befähigt Menschen und wird dafür finanziell bestraft. Irgendwas läuft da gehörig schief. Mir scheint je länger, je mehr: Je fortschrittlicher wir werden, desto mehr schreiten wir fort. Weg von dem, was Menschsein ausmacht, was Miteinander nährt. Jeder Rappen wird umgedreht und muss Rendite abwerfen. Alles wird optimiert, verschlankt – und übermässig bürokratisiert. Wo kommen wir da bloss hin?
Die Kondukteurin und der Irrsinn
Das frag ich dann auch die Kondukteurin, als sie uns wegen unserer Fahrräder anmotzt.
«So geht das nicht, Sie müssen die Räder in die Halterungen stellen.»
«Würden wir ja gerne. Nur passt das nicht. Die Halterungen sind maximal für magersüchtige Drahtgestelle gemacht. Mitnichten für zwei ausgewachsene Zweiräder.»
Ich schau sie an und fahre fort: «Ist nicht Ihre Baustelle, ich weiss. Aber geben Sies gerne an die GL weiter. Vor Jahren, als die Tageskarte noch einen Muggenschiss kostete, gabs ganze Bahnwagen für den Velotransport. Und heute, wo ich 15 Franken für eine Velotageskarte zahle, sind in gewissen Zugkompositionen lächerliche Haken angeschraubt, in die man maximal ein Kindervelo schieben kann.»
Sie versteht unser Anliegen. Aber auch ihr sind die Hände gebunden. Sie führt lediglich aus, was anderswo jemand mit einer Idee zur Gewinnoptimierung ausgeklügelt hat. Die Bahn als velofreundlich propagieren. Die Realität sieht anders aus. Was ist die Idee dahinter, wenn nicht Velofans, die mit dem ÖV unterwegs sind, zu vergraulen? Ich kapiers nicht. Und ganz ehrlich – ich warte auf den Tag wo wir dann selbst für unsere Exkremente noch ein Ticket lösen müssen. Wer aufs Klo im Zug will, steckt auch hier einen Einfränkler in den Schlitz. Ums noch mehr zu Optimieren, läuft das dann so: Wer ordentlich pfundet, lädt einen Fünfliber ab. Wer nur uriniert, kommt mit einem Franken durch. Oh Mann. Wenn ich diese Gedanken weiterspinne, dreh ich wirklich am Rad. Am metaphorischen.
Was bleibt
Zurück zu meiner Zugfahrt. Eine, die für meinen Geschmack viel zu schnell vorbeigeht. Die Themen gehen uns nämlich nicht aus. Und einmal mehr merk ich, wie mir das behagt, dieses Miteinander, die sperrangelweit offenen Herzen, das Privileg, für einen kurzen Moment ins Leben von jemand anderem eintauchen. Das ist für mich immer wieder Himbo mit Blöterli. Das gabs in meiner Kindheit nur, wenn wir bei Grosi zu Besuch waren.
Meine Reise endet in Olten. Wir sagen Adieu, mit grossen Gesten und warmem Herzen. Und das Herz wird gleich nochmal wärmer. In Olten wartet meine liebe Freundin auf mich. Seit sie ins Wallis gezogen ist, treffen wir uns an ungewöhnlichen Orten zum Plaudern, Wandern oder Biken. Wir legens geografisch so fest, dass wir beide mit dem Zug hinkommen, ohne umzusteigen, wenn's geht. Heute ist das Olten und sein Engelberg.
Denn wenn wir ehrlich sind, kann kein Fortschritt dieser Welt dieses eine Gefühl ersetzen, wenn du einen Herzmenschen in die Arme schliesst und echte Freude dich durchströmt. Und mit keiner Kostenoptimierung lässt sich ein solcher Hauptgewinn erzielen. Im Fau!




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