• Yvonne Ineichen

Sprechertext schreiben – (k)ein ganz normaler Texterinnen-Alltag


Normal? Gibt es in meinen Tagen nicht. Punkt. Genauso wenig, wie es den Kunden, die Kundin oder den Text gibt. Jeder Tag ist anders. Anders neu. Oder anders gleich. Das kommt auf die Perspektive an. Es gibt Tage, an denen ich morgens einfach nicht in die Gänge komme. Dann sitze ich an meinem Schreibtisch und möchte eigentlich den Sprechertext für einen Imagefilm schreiben. Was ich hinbekomme ist: Sprecher 1 … und fertig. Hirnstau …


Sitzenbleiben und auf die Eingebung hoffen?

Das liegt mir nicht so. Ich habe andere, bestens erprobte Mittel. Oft schmeisse ich mich in die Laufklamotten, stürme Richtung Wald und trabe los. Kreuz und quer durch das Dickicht, Regen plätschert auf mein Haupt, Dornen kratzen an meinen Beinen, der Sumpf schmatzt unter meinen Schuhen, Blätter glänzen, als wären sie mit Lack überzogen. Ich laufe mittendrin in dieser Naturgewalt des Waldes. Fühle mich auf einmal quicklebendig. Meine Sinne hellwach. Atme die Frische des Morgens ein. Die Tropfen spülen die Nachtgedanken fort und schaffen Platz für neue Ideen... wortgewaltige Werke.


Auf einmal sind sie da. Die Fragmente für den Sprechertext. Wie kleine Seifenblasen huschen die einzelnen Sätze durch mein Hirn. Aus einer Idee entseht die nächste. Ungeordnet und unstrukturiert. Ich renne heim, setze mich an meinen Schreibtisch und die Finger fliegen über die Tasten. Sie haben es eilig. Wollen all die herrlichen Worte für diesen Imagefilm im Schnellzugtempo aufs Papier bringen. Damit ja keine Idee verlorengeht oder mit der Seifenblase Richtung Himmel huscht. Die Fragmente finden ihren Platz auf dem Papier. Sie stehen erst noch etwas wirr im Raum. In einem zweiten Schritt bringe ich sie in Reih und Glied, wie Zinnsoldaten, die auf ihren Einsatz warten. Dann sitze ich da. Lächle in mich hinein. Schaue auf die Uhr, stelle fest: Ein paar Stunden sind durchs Land gezogen. Stunden, in denen ich alles um mich herum vergass und total im Flow war. Und dann?


Dem Text auf den Zahn fühlen

Drucke ich das Dokument aus, setze mich an den Tisch, lese mir laut vor, was da entstehen durfte. Doch, das liest sich fliessend und in der vorgegebenen Zeit. Jetzt dürfen die Zeilen ruhen. Morgen knöpfe ich sie mir ein zweites Mal vor. Damit jedes Wort sitzt und trifft. Das ist ein ganz normaler Tag in meinem Schreiber-Leben. Oder auch nicht …


Was tust du, wenn du nicht in Schwung kommst und deine Kreativität einen Arschtritt braucht? Ich freue mich auf deine Inputs in den Kommentaren.


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen